Laufen lernen

Von der bewussten Entscheidung, eine Grenze zu übertreten

Wohin führt dieser Weg? Was liegt hinter diesem Berg? Was passiert, wenn ich einfach losgehe und nachsehe?

Neugier ist wahrscheinlich unser größter Antrieb. Als Kinder erkunden wir unser Umfeld, erkennen, dass die Welt größer ist als wir selbst und wollen alles entdecken. Irgendwann stoßen wir dann an unsere Grenzen, machen erste Grenzerfahrungen. Sei es die Erfahrung, dass der Weg zu weit ist, als dass die Beine uns alleine bis nach Hause tragen könnten oder die Erkenntnis, dass bestimmte Flächen nicht ungefragt betreten werden sollten, weil sie zum Besitz eines*r anderen gehören oder einen bestimmten Zweck erfüllen, so wie unsere eingezäunten Viehweiden. Zu diesen kehre ich heute zurück und beschreibe ein Erlebnis, das symbolisch für meine erste bewusste Grenzüberschreitung steht.

Als ich mit ungefähr sechs Jahren die Bedeutung unseres elektrischen Weidezaunes erfasste, erlebte ich sehr ambivalente Gefühle. Da war das Unverständnis darüber, warum wir Tiere einsperren mussten, damit sie bei uns blieben, die Verlockung, sich über die mahnenden Worte meiner Großeltern hinwegzusetzen und der Wunsch, alles selbst überprüfen zu müssen. „Achtung, nicht anfassen! Da ist Strom drauf!“, bedeutet in Kindersprache: „Bitte anfassen! Probier doch am besten selbst mal aus, ob das stimmt.“ Die Konsequenz: ein Schreck und ein kurzer Schmerz.

Seitdem ich diese Konsequenz körperlich erfahren hatte, war meine Neugier geweckt und ich testete und erkundete diese omnipräsente Grenze sehr bewusst und vorsichtig.
Ich beobachtete den Draht so lange und aufmerksam, bis ich an der Schwingung zu erkennen glaubte, ob der Strom angeschaltet war oder nicht. Wenn ich nicht sicher war, legte ich einen Grashalm auf den Draht und wartete gespannt, ob dieser zu zucken begann. Und eines Tages musste ich die Grenze überschreiten:
Unser Ball war beim Spielen auf die Weide gekullert, er scherte sich nicht um irgendwelche Begrenzungen. Ratlos standen mein Bruder und ich vor dem Weidezaun und schauten zu unserem Ball, der neben einem Kuhfladen ungefähr fünf Meter hinter dem Zaun liegengeblieben war. Viel zu weit entfernt, um mit einem Stock nach ihm zu angeln. Wenn wir ihn wieder haben wollten, mussten wir unter dem Draht hindurchkriechen. Ich war unsicher. Die Kühe grasten noch unbeeindruckt am anderen Ende der Weide neben dem alten Birnenbaum.
Wieviel Zeit würde mir bleiben, den Ball zu holen, bevor sie mein Eindringen entdeckten? Wie tief musste ich mich ducken, so dass ich den Draht nicht berührte?

Ich entschied mich zu krabbeln. Hinter dem Zaun richtete ich mich auf, sah zu meinem Bruder, dann zu den Kühen. Sie hatten mich noch nicht bemerkt. Ein mulmiges Gefühl stieg in mir auf, dabei war ich nur circa 50 cm von meinem Ausgangspunkt entfernt. Im Herbst und Winter war diese Wiese einfach freies Feld, jetzt aber war hatte sie plötzlich eine Funktion, von deren Nutzung ich ausgeschlossen war. Ich fühlte mich fremd auf vertrautem Boden.

Vorsichtig näherte ich mich dem Ball. Noch ungefähr drei Meter trennten mich von ihm. „Los, beeil Dich!“, flüsterte mein Bruder. Ich hielt kurz inne und sah mich um. In diesem Moment bemerkten mich die Kühe. Die erste galoppierte los, zwei andere folgten. Während des Galopps schlugen sie nach hinten und vorne aus, was irgendwie ulkig aussah vor allem aber verlangsamten diese zusätzlichen Tritte ihre Vorwärtsbewegung und verschafften mir Zeit. Mit wild klopfendem Herzen rannte ich zum Ball, schnappte ihn und machte sofort auf dem Absatz kehrt. Das Schnauben der Kühe schien inzwischen meinen Rücken zu kitzeln. Ich rollte den Ball unter dem Weidezaun hindurch, krabbelte hinterher und ergriff die ausgestreckte Hand meines Bruders. Aufstehen, umdrehen und in die Augen von fünf Kühen blicken, der Zaun wieder zwischen uns. Puh!
Ich trat einen Schritt zurück, pflückte Gras. Atemlos schnaufend, mit Herzklopfen bis zum Hals und Schweiß auf der Stirn hielt ich das Büschel mit zittrigen Händen über den Zaun. Eine rauhe Kuhzunge zog es genüßlich aus meiner Hand und beförderte es direkt in ihr Maul. Die großen Augen blickten wieder sanft, die gewohnte Ordnung war wieder hergestellt.

Warum schreibe ich so ausführlich über einen Weidezaun, einen Fußball und eine Handvoll Kühe?
Dieses Erlebnis hatte anscheinend einen so prägenden Eindruck hinterlassen, dass ich davon sogar eine Zeichnung anfertigte, die ich beim letzten Besuch in der alten Heimat in meinem Tagebuch fand.

Ich hatte zum ersten Mal bewusst eine physische Grenze überschritten.
Das bedeutete, dass ich mich auch bewusst einer Gefahr ausgesetzt hatte. Ich musste abwägen, was mir wichtiger war: der Ball oder die Angst vor den möglichen Folgen meines Grenzübertritts. Die waren ziemlich offensichtlich und nicht schwer vorherzusehen. Ich konnte das Für und Wider genau abwägen, denn ich war in der Lage, meinen Körper einzuschätzen und wusste, dass die Kühe sehr wahrscheinlich auf mich zugaloppieren würden. Sie mögen keine Veränderungen oder ungebetene Gäste. Was ich aber nicht wusste war, wann sie mich bemerken würden und wieviel Zeit mir dann noch bliebe, den Ball von der Weide zu holen. Diese Ungewissheit machte mich nervös.
Worauf ich aber überhaupt nicht vorbereitet war, waren die Gefühle, die mich beim Grenzübertritt plötzlich überkamen: Unsicherheit und das Gefühl, alleine zu sein, schutzlos, fremd. Zugleich wollte ich aber mein Ziel erreichen und war unglaublich erleichtert und auch ein bisschen stolz, als ich es geschafft hatte.

Diese ambivalenten Gefühle wurden mit den Jahren zu vertrauten Gefühlen. Immer dann, wenn ich mich dazu entschied, meine Komfortzone zu verlassen und etwas zu wagen, „unbekanntes Territorium“ zu betreten – sei es ein neuer Job, ein Umzug, eine Reise – wiederholen sie sich. Und jedes Mal bin ich froh, dass ich sie schon so lange kenne. Das Wissen um diese Gefühle verleiht mir ein Gefühl der Sicherheit in mir selbst im äußerlich Ungewissen und diese Sicherheit hilft mir, die Angst zu überwinden und mich auf die nächsten Schritte zu freuen.

Weiterlesen:
Wandern – Grenzerfahrungen in der Natur – ein Beitrag über bewusst gewählte Grenzerfahrungen in der Natur inkl. vier Buchtipps

3 Kommentare

  1. Bettina Ludwig says:

    Liebe Silke, vielen Dank für die Erinnerung an die mit neuen Terretorien verbundenen ambivalenten Gefühle und das wunderschöne Foto am Ende deines Beitrags. Bettina

    1. says:

      Liebe Bettina,
      vielen Dank! Das Foto mag ich auch sehr. Es erinnert mich an einen Moment voller Freiheit mit meinem damals noch ganz kleinen Sohn.
      lg Silke

  2. Sara says:

    Ein schöner Text über das ewige Abwägen zwischen Sicherheit und Expansion bzw. auch Freiheit. Immer aktuell. Danke dafür. LG Sara.

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