Hand in Hand

Achtsam begleitend durch die Kindheit

Unsere inneren, persönlichen Grenzen sind sehr individuell und genauso individuell sind unsere Erfahrungen von Grenzüberschreitungen. Daher habe ich in diesem Blog bisher immer ausgehend von meinen eigenen, subjekiven Erfahrungen und Wahrnehmungen berichtet und meinen damit verbundenen Gefühlen und Gefühlsäußerungen. Mir ist bewusst, dass ich lediglich einen kleinen Einblick in meine Wahrnehmung geben kann, in der Hoffnung, damit Denkanstöße zu geben und zu einem weiteren Austausch einzuladen.

An den Situationen, über die ich in den letzten Wochen geschrieben habe, wird somit auch deutlich, wie vielfältig, unscheinbar und wechselseitig Grenzüberschreitungen sein können. Wurde auf dem Spielplatz auf dem Pendelsitzkarussell meine Grenze überschritten, so habe ich selbst bei meinem Sohn eine Grenze überschritten, als ich auf die von mir gewählten Handschuhe beharrte. Am elektrischen Weidezaun spürte ich zum ersten Mal, was es bedeutet, Macht über andere Lebewesen zu haben. Sicherlich hängen all diese Erfahrungen miteinander zusammen. Ich trage sie als eine Art Grenzerfahrungspool mit mir herum und damit inbegriffen auch all die ambivalenten und diffusen Gefühle sowie die Fragen, wodurch die jeweiligen Situationen begünstigt wurden. Diese Fragen werde ich nicht vollumfänglich beantworten können, denn oft habe ich nur meine Sicht auf die Dinge, meine Perspektive. Mein Sohn hat mir einen Einblick in seine Empfindungen und Gedanken gegeben, doch weiß ich nicht, wie beispielsweise mein Lehrer die Situation auf dem Spielplatz damals empfunden hat. Mein Fokus lag auf mir und meiner Angst, in der ich gefangen war und die es verhinderte, dass ich darüber sprechen konnte.

Zumindest helfen mir diese Grenzerfahrungen aber, meine Grenzen immer besser zu erkennen, weil ich zum Beispiel bestimmte Gefühle sofort mit den Kindheitserfahrungen verknüpfe: das unangenehme Gefühl am elektrischen Weidezaun mit dem Gespräch mit meinem Sohn vor der Kita, das Gefühl tiefster Geborgenheit und Sicherheit bei den Streifzügen durch den Wald mit Momenten, in denen ich mitten in der Natur oder an mir unbekannten Orten in mir unbekannten Ländern unterwegs bin. Dieser Grenzerfahrungspool ist mein inneres Radar, das mir anzeigt, ob alles ok ist oder eher überhaupt nicht ok und er hat mich gelehrt, dass ich nicht in jeder Situation die Kontrolle behalten kann. Aber ich kann lernen, mit diesem Kontrollverlust umzugehen.

Wie aber kann ich verhindern, dass ich die Grenzen anderer Menschen überschreite?
Die Situation mit meinem kleinen Sohn hat mich durchgerüttelt. Seitdem versuche ich noch achtsamer zu sein. Fragen zu stellen – an mein Gegenüber und in gleichem Maße an mich selbst gerichtet. Ich versuche, diese Fragen auch und vor allem in Momenten zu stellen, in denen ich zuvor aus tausend Gründen (Zeitmangel, Bequemlichkeit, Alltagsroutine) einfach gehandelt habe – sicherlich nach bestem Wissen, aber eben ungefragt und nur durch meine subjektive Perspektive motiviert.
Die Fragen helfen mir dabei, mein Handeln zu reflektieren und meine Perspektive zu ändern und die des*der anderen einzunehmen. Sie erinnern mich daran, dass meine Gefühle und Empfindungen meine sind, sie aber keinen universellen Charakter besitzen. Wenn ich friere, muss das nicht bedeuten, dass es meinem Kind auch kalt ist. Drei verschiedene Menschen haben ziemlich sicher auch drei verschiedene Empfindungen. Das klingt sehr einfach und schreibt sich auch sehr leicht, es erfordert aber ein großes Maß an Achtsamkeit, Empathie und Wahrnehmung der eigenen (Macht-)Position und auch die Akzeptanz der eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Ich erinnere mich in dem Zusammenhang an den Fußweg von ungefähr einem halben Kilometer bis zu der Bushaltestelle, an der ich jeden Morgen auf den Schulbus wartete. Mein Vater ist sehr groß und machte immer ganz große, erwachsene Schritte. Er machte einen Schritt, ich benötigte drei für die gleiche Wegstrecke. Das führte dazu, dass er zügig ging und ich daneben an seiner Hand fast rannte. Einerseits mochte ich diesen morgendlichen Run. Mein Vater spornte mich dadurch unbewusst an, indem er mir durch sein Gehen aufzeigte, welche Schritte ich auch würde machen können, wenn ich nur erst erwachsen wäre. Diese Aussicht gefiel mir. Andereseits war ich außer Atem. „Komm, es ist nicht mehr weit.“ sagte er. Aus seiner Perspektive stimmte das auch. Noch 150 Meter, ungefähr 150 Schritte – klingt machbar. Aus meiner Perspektive waren es mindestens 450 Schritte und gefühlt auch 450 Meter. Das war das Gegenteil von „nicht-mehr-weit.“ Um ihm bei seiner Aussage also zustimmen zu können, hätte ich seine Perspektive einnehmen müssen, doch so schnell konnte ich mir keine langen Beine wachsen lassen und er konnte unmöglich schrumpfen, um meine Atemlosigkeit zu spüren. Wir konnten uns die Perspektive des anderen nur vorstellen, aber nicht nachempfinden. Das ist ein riesiger Unterschied. „Es ist nicht mehr weit“ sagt sich leichter, wenn man noch Luft und Kraft hat, nach vorne zu blicken. „Ich kann nicht mehr“ ist dagegen ein Stoppschild. Endgültig. Natürlich verlangsamte mein Vater das Tempo, weil er sich in mich hineinversetzen konnte. Er war ja selbst mal ein Kind gewesen und kannte das Gefühl. Ich hingegen fühlte mich hilflos. Ich war noch nie zuvor groß gewesen und die Vorstellung, dass eines Tages der Weg schneller zurückzulegen wäre und das auch noch leichten Fußes, überforderte mich grandios. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass ich Geduld haben musste mit mir und meinem Wachsen.

Je bewusster wir Erwachsenen uns unserer eigenen Grenzen und ihrem Ursprung sind, je klarer wir unsere Wahrnehmung dieser Grenzen und eventueller Grenzüberschreitungen ausdrücken können und je gewillter wir sind, über unsere Erfahrungen zu reflektieren, umso eher kann meiner Meinung nach ein vertrauensvolles Klima wachsen, in dem Kinder sich aufgehoben, wahrgenommen und geborgen fühlen. Ein Klima, in dem Platz ist für Ängste und Sorgen. Ein sicheres Fundament für die Reise durch ihr ganz individuelles Leben.

Abschließend noch ein Link zu einem Positionspapier des Zentrum Bildung der EKHN, auf das ich bei der Recherche zu diesem Beitrag gestoßen bin. Es ist eine Ermutigung zur Reflektion zum grenzüberschreitenden Verhalten im pädagogischen Alltag, veröffentlicht für Fachkräfte der Kindertagesstätten der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Ich fand es auch als Mutter und nicht pädagogische Fachkraft sehr erhellend und bereichernd zu lesen, werden doch sehr klar auch die möglichen, unbewussten Grenzüberschreitungen benannt, reflektiert und vorbeugende Maßnahmen besprochen.

3 Kommentare

  1. Bettina says:

    Liebe Silke, mir gefällt dein Bild der eigenen Grenzerfahrung als inneres Radar für OK oder NichtmehrOK. Bettina

  2. Liebe Silke,
    nun schreibe ich dir endlich auch mal einen Kommentar. Habe ich doch bislang all deine Texte gelesen und innerlich genickt bis gestaunt. Ich finde das Thema Grenzerfahrung und Grenzüberschreitungen ebenfalls so spannend. Und wichtig. Ich merke, wie ich mich erst jetzt mit meinen eigenen Grenzen auseinandersetze, mit denen von heute und mit denen von damals, da ich selbst Mutter bin. Die eigenen Kinder zeigen mir so viel. Deine Reflektion darüber finde ich wunderbar geschrieben. Es ist, als würde ich ein wenig in deinen Gedanken spazieren gehen. Ich danke dir dafür.
    Ganz liebe Grüße
    Carolin

    1. Liebe Carolin,
      vielen lieben Dank für Deine Worte! Es liegt wahrscheinlich in der menschlichen Natur, dass wir uns erst mit Dingen auseinandersetzen, wenn wir unmittelbar betroffen sind. Dennoch hoffe ich, dass ich mit diesem Blog vielleicht ein paar Gedanken anstoßen kann, über bereits Erlebtes zu reflektieren – vor dem nächsten großen Schritt.
      lg Silke

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