Entwurzelt

Wie es sich anfühlt, wenn gar nichts mehr geht

:::: Triggerwarnung :::: Beschreibung einer traumatischen Geburtserfahrung ::::

„Weißt Du“, sanft schob der Kleine eine Haarsträhne vorm Ohr des großen Bruders zur Seite, rückte noch ein Stück näher an ihn heran und flüsterte, „wenn Du Deinen Zahn unters Kopfkissen legst, kommt in der Nacht die Zahnfee und bringt eine GOLDENE Münze! Wirklich!“ Er nickte bedeutungsvoll während der Große mit riesigen Augen voller Angst dasaß, stocksteif, unfähig sich zu bewegen. Der Kleine wartete auf eine Reaktion, rückte dann aber wieder von ihm ab, als er merkte, dass der Große in seiner Angst verharrte.
Nur Stunden zuvor hatte der Große den Kleinen durch den zugefrorenen Bach gelotst und dieser kam danach aufgewühlt mit roten Backen und zerwuschelten Haaren zu mir ins Arbeitszimmer gerannt, hüpfte auf und ab mit bis zum Knie durchnässten Hosen und war so aufgeregt, dass er ganz laut reden musste und so voller Stolz, dass ihm die Haare zu Berge standen. „Ich bin gerade ohne Angst mit A. durch den Fluss gestapft! Ohne Angst! Immer wieder! Ohne Angst, Mama! Wirklich! Bis das Eis gebrochen ist. Ohne Angst! „
Ohne Angst und ganz ohne Mamas Hilfe, dachte ich, mindestens genauso stolz. Er hatte Riesiges geschafft. Er hatte an des Bruders Hand seine Angst besiegt, sie zerbröselt, so wie das Eis, sie ausgetauscht gegen Stolz. Und nun fühlte er sich stark genug, seinen großen Bruder zu beruhigen. Doch dessen Angst, den schmerzenden Wackelzahn einfach herauszuziehen, war nicht so einfach zu vertreiben. Sie wurde von Minute zu Minute größer. Am Ende blieb der Zahn drin. Er würde ganz sicher auch alleine herausfallen und der Schmerz mit ihm verschwinden – in ein paar Tagen. Nicht jede Angst muss besiegt werden, manchmal genügt es auch, sie anzunehmen und geduldig mit ihr zu sein.

An das Gefühl der lähmenden Angst erinnere ich mich noch zu gut. Schon Wochen vorher war ich unruhig, versuchte ständig meine ungute Vorahnung beiseite zu schieben. „Du weißt doch, wie das ist“, versuchte ich mich zu beruhigen. „Du hast schon ein Kind bekommen. Es wird alles gut gehen. Du bist nur unruhig, weil Du auch von diesem Kind überhaupt keine Vorstellung hast.“ Ich versuchte, mich wieder auf mein Fundament zu fokussieren und mich an meine innere Sicherheit zu erinnern. Es gelang mir mittelgut.
Und dann kam der Moment als es losging und ich ins Taxi stieg. Ich schaute nach vorne und hatte das Gefühl, in einen Tunnel einzufahren. Stichwort Pendelsitzkarussel. Ich schloss innerlich die Augen, krampfte mich an ein imaginäres Seil und wäre am liebsten ohnmächtig geworden. Aber das ging nicht. Zuviel Schmerz. Die Hebamme beruhigte mich, schaffte es, mich im Moment zu halten. Dann lag mein Kleiner in meinen Armen und das Gefühl war immer noch da. Ich wollte Fotos haben. Jetzt sofort auf keinen Fall später. Und plötzlich ging es ganz schnell und allen war klar, dass da wirklich was gar nicht stimmte. Das war der Moment in dem ich das imaginäre Seil loslassen konnte. Es war der Moment, in dem ich mich verstanden fühlte. Es war der Moment, als ich laut meine Angst aussprechen konnte und keiner hielt mich für verrückt. Der medizinische Beweis lag vor. Ich wurde ernst genommen in meiner Wahrnehmung, ich wurde gehört in meinen Bedenken und ein sehr empathischer Oberarzt versuchte die ganze Zeit abzuwägen zwischen meinen Sorgen und Wünschen und Ängsten und dem medizinisch Notwendigen. Er hatte unendlich viel Geduld mit mir, ließ mir Zeit, von der er wahrscheinlich gar nicht sicher wusste, ob ich sie hatte. Er versuchte den Spagat zwischen den Grenzen – meinen und den medizinischen.
Irgendwann nach einer endlos langen Zeit war ich bereit, mehr loszulassen als nur das imaginäre Seil. Ich sah die Sorgen und die Erschöpfung auf den Gesichtern. Ich verstand, dass ich die Zügel aus der Hand geben musste, wenn ich das irgendwie mehr oder weniger heil überstehen wollte. Ich gab mein Kind aus den Händen. Es war ganz still. Der OP war grün, die Schwestern und Ärzte und Ärztinnen auch. Als ich aufwachte war alles anders. Es war viel später als gedacht, ich war viel schwächer und alles um mich herum piepte. Eine Hebamme saß an meinem Bett und ging nicht mehr weg. Sie blieb und schaute und hielt meine Hand.

Zwei Jahre lang schaufelte ich mir danach den Weg frei von den Ästen, die ihn versperrten. Niemand konnte etwas dafür, niemand hatte meine Grenze überschritten. Aber ich war wütend auf mich, dass ich meine Erwartungen an mich nicht erfüllt hatte, dass ich nicht wie geplant wenige Stunden nach der Geburt aus der Klinik spazieren konnte, glücklich mit einem neugeborenen Kind in meinen Armen.
Im Laufe der Zeit habe ich verstanden, dass ich nicht in jedem Moment die Kontrolle behalten kann. Es ist ok, auch mal abzugeben, vor allem bei einer Geburt, einem Ereignis, das so viel größer ist als wir selbst. Es ist ok, Angst zu haben und sie zuzulasssen. Sie markiert die Grenze, vor deren Überschreitung ich Angst habe.

In den Jahren seit der Geburt habe ich immer wieder Frauen getroffen, die Ähnliches erlebt haben, die entweder selbst in Gefahr waren oder deren Grenzen nicht respektiert wurden oder deren Kind in Gefahr war. So entstand mein Wunsch, Frauen während der Schwangerschaft und bis nach der Geburt schreibend zu begleiten, so dass sie sich schreibend mit ihrer Schwangerschaft, der Geburt und dem Muttersein auseinandersetzen können. Dieses Blog ist mein ganz persönlicher Einstieg dazu, denn ich bin der Meinung, dass ich nur über Dinge sprechen und andere auf ihrem Weg begleiten kann, wenn ich selbst einen Bezug dazu habe.

4 Kommentare

  1. Bettina says:

    Liebe Silke, Schwangerschaft und Gebären sind so sehr private, persönliche, tiefe Erfahrungen, dass sie schwer mündlich zu teilen sind und ich deine Idee, Frauen schreibend zu begleiten als eine große Chance empfinde, aus dem Wust von Ratgeber*innen in Mensch und Buch einen ureigenen Weg hervorzubringen, der den eigenen Ängsten, Sorgen, Wünschen, Hoffnungen, Erlebnissen Raum gibt. Bettina

    1. Danke liebe Bettina für Deine ermutigenden Worte, die meine Intention verstehen und so treffend beschreiben!
      lg Silke

  2. Liebe Silke,
    in deinen Worten steckt so viel. Ich finde es unheimlich toll und wichtig, dass du deine Geschichte teilst und nun auch andere schreibend begleiten und ermutigen möchtest, damit sie ihre Geschichte erzählen und sich mit ihren Gefühlen auseinandersetzen und vielleicht auch irgendwann mit dem Geschehenen versöhnen. Doch selbst wenn nicht, stelle ich mir den Weg alleine schon heilend und bereichernd vor. All diese Themen rund um Kinderwunsch, Geburt und Kinder haben sind so sensibel. Manchmal denke ich, wir Frauen sind in diesen Jahren rund um diese Themen eine einzige offene Wunde, die mal besser und mal schlechter heilt, manchmal sogar nie ganz.
    Ich habe meine Geburtsgeschichten auch aufgeschrieben und wenn ich sie lese, bin ich manchmal regelrecht schockiert, was alles geschehen ist und welche Grenzen überschritten wurden, gerade bei der ersten Geburt vor über sieben Jahren. Die zweite hat ganz andere, viel kleinere Narben hinterlassen. Doch insgesamt bin ich froh, beide Erlebnisse überstanden zu haben und sehne mich nicht nach einer Wiederholung. Der Gedanke daran macht mir tatsächlich Angst. Für mich ist Geburt nichts Romantisches oder Schönes.
    Diesen Satz fand ich besonders schön und erleuchtend (und habe ihn mir deshalb aufgeschrieben): Es ist ok, Angst zu haben und sie zuzulasssen. Sie markiert die Grenze, vor deren Überschreitung ich Angst habe.
    Danke dir, liebe Silke. <3
    Carolin

    1. Danke liebe Carolin!
      Deine Gedanken kann ich sehr gut nachvollziehen und teilen. Ich bin sehr dankbar, dass es die Möglichkeit gibt, Erlebnisse aufzuschreiben, sich dadurch bewusst zu werden über das Erlebte und im gleichen Moment die Gewissheit zu haben, dass das Aufgeschriebene bleibt. Dadurch muss der Kopf nicht mehr die ganze Zeit darüber nachdenken, damit es nicht vergessen wird (dieser Gedanke ist nun schon ein kleiner Vorgriff auf das Interview, das morgen folgt.)
      viele liebe Grüße,
      Silke

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