An der Schwelle

Grenzerfahrung in der Kindheit

Ein Dialog mit meinem Sohn:

Mutter: Du hast ja ganz kalte Hände.
Kind: Ja, ich habe auch gefroren
Mutter: Warum hast Du denn nichts gesagt?
Kind: Du hast gesagt, dass die Handschuhe warm sind.

*

In der letzten Woche habe ich meine ersten bewussten Grenzerfahrungen und die damit verbundenen Gefühle beleuchtet. Diese Woche möchte ich darüber nachdenken, wie mein Verhalten die ersten Grenzerfahrungen meiner Kinder prägt.

Der Dialog mit meinem kleinen Sohn hat mich sehr erschüttert. Ein dreijähriges Kind benennt ganz klar, dass es meinen Worten ganz selbstverständlich mehr vertraut, als seiner eigenen körperlichen Empfindung. Wie konnte das passieren?

Bevor wir an diesem Morgen in Richtung Kita losfuhren, hatten wir eine riesige Diskussion über Handschuhe. Er wollte unbedingt die dünnen, feingestrickten Fingerhandschuhe anziehen und nicht die neuen aus angeblich besonders wärmeisolierendem Flies. Ich war besorgt, dass er in den feingestrickten Handschuhen wieder eisigkalte Finger bekommen würde, schließlich mussten wir eine halbe Stunde mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren. Nach langem Hin- und Her und einer immer kleiner werdenden Geduld meinerseits (wir waren natürlich auch noch spät dran), lies er sich schließlich überzeugen, die neuen Handschuhe anzuziehen – besser gesagt: er resignierte und akzeptierte, dass ich in der Lage war, zu entscheiden, einfach weil ich es konnte. Ich hatte die Macht über ihn und ihm mit meinem Verhalten ganz klar seine Grenze aufgezeigt.

Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht etwas zu dick aufgetragen, aber ich denke, dass es genau diese kurzen Situationen sind, die prägend für den kindlichen Erfahrungshorizont sein können. Aus meiner Sorge um sein körperliches Wohlbefinden entbrannte ein Machtkampf, bei dem ich sein seelisches Wohl übersah. Es ging überhaupt nicht mehr um die Handschuhe, sondern nur noch darum, wer sich durchsetzt. Manche Kinder schreien sich in solchen Momenten vor lauter Verzweiflung in Rage, andere verstummen, so wie mein Kind. Er fügte sich und ertrug stillschweigend 30 Minuten lang die immer kälter werdenden Hände.

An diesem Morgen hat er gelernt, dass ich seinen Wunsch nicht ernst nehme und daraufhin seine Wahrnehmung unterdrückt – vielleicht um einer weiteren Diskussion aus dem Weg zu gehen, oder weil er erfahren hatte, dass Mama sowieso alles besser weiß. Auf jeden Fall aber schwieg er aus einem Gefühl heraus, das den Fokus auf meine Reaktion legte. Er stellte sich zurück, um mir zu entsprechen und weil er sich machtlos fühlte.

Was wäre aber so schlimm daran gewesen, wenn ich seinem Wunsch entsprochen hätte und ihm die dünnen Handschuhe angezogen hätte? Er hätte seinen Körper spüren und mir dann seine Wahrnehmung mitteilen können. Er hätte gelernt, dass ich ihm vertraue, dass er für sich selbst sprechen kann und er hätte erfahren, dass seine Wahrnehmung wichtig ist und seine Grenzen respektiert werden. Ich hatte mich aber dazu entschieden, ihm meinen Wunsch sprichwörtlich überzustülpen, damit ich beruhigt war.

Ich bin sehr froh, dass er mir in dieser Klarheit sagen konnte, weshalb er schwieg. Er gab mir damit die Möglichkeit, mein eigenes Verhalten zu reflektieren und zu hinterfragen. Nicht alle Kinder können das aber. Manchmal ist es vielleicht ein Gefühl des Unwohlseins, etwas, das sie nicht in Worte fassen können oder sie sind so auf den Störfaktor fokussiert – den kratzenden Pulli, die viel zu warme Jacke – dass wir Eltern nur die überreizten Gefühle mitbekommen, sie aber nicht mehr zuordnen können. Und in der Hektik des Alltags fehlt dann vielleicht manchmal die Geduld Fragen zu stellen und damit die Bereitschaft zum Perspektivwechsel.

Je öfter sich solche Erfahrungen aber wiederholen, desto mehr verfestigt sich meiner Meinung nach das kindliche Gefühl, dass seine Wahrnehmung nicht stimmt. Wenn aber schon das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung nicht wachsen darf, wie soll dann das Wissen um die eigenen Grenzen überhaupt entstehen?

Als ich meinen Sohn an diesem Tag von der Kita abholte, durfte er sich neue Handschuhe aussuchen. Er entschied sich für dunkelgraue Fäustlinge mit einem kleinen Monster drauf, das ein rotes Lachen mit weißen Zähnen zeigt, wenn er seine kleinen Händchen zur Faust ballt.

3 Kommentare

  1. Bettina Ludwig says:

    Liebe Silke, vielen Dank für den Perspektivwechsel und mögliche Auflösung von Grenzen. Bettina

  2. Lea says:

    Liebe Silke, deine Geschichte hat mich lange beschäftigt. Du hast es genau richtig erkannt: durch das Überstülpen eines „solls“ (meist schon in den jungen Lebensjahren von Lehrern und Eltern) haben wir gelernt, aufzuhören, wie es tatsächlich ist. Dieser neue Job, dieses Gehalt, diese Reise, die neue Hose, dieses neue Superfood macht dich glücklich, gesund, schlank, frei… und dann vertrauen wir dem, der es sagt und vergessen dabei uns selbst zuzuhören. Danke für das Teilen deiner Geschichte.

    1. says:

      Liebe Lea,
      vielen Dank für Deine Gedanken und für das Überleiten zu unseren Verhaltensweisen im Erwachsenenalter. Darauf gehe ich auf jeden Fall in einem der nächsten Beiträge noch näher ein.
      lg Silke

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