Im Gespräch mit Dr. phil. Almut Dorn

Über die Begleitung von Frauen vor und nach der Geburt sowie über die feinen Unterschiede in der Kommunikation

Am 10. Februar sprach ich mit Dr. phil. Almut Dorn, Psychologin und Psychotherapeutin aus Hamburg, über die Begleitung von Frauen vor und nach der Geburt sowie über die feinen Unterschiede in der Kommunikation über und unter der Geburt.
Dr. Almut Dorn promovierte mit dem Thema „Posttraumatische Belastungsstörung nach Entbindung“, betreibt in Hamburg eine Praxis mit dem Schwerpunkt Gynäkologische Psychosomatik und ist Ansprechpartnerin für Kliniken, niedergelassene Gynäkolog*innen und Psychotherapeut*innen.

Ich habe Frau Dr. Dorn angesprochen, weil sie durch ihre Arbeit Einblicke in beide Perspektiven hat: die der Frauen nach einer Entbindung und die des begleitenden und betreuenden medizinischen Personals. Darüber hinaus wendet Sie selbst therapeutisches Schreiben in ihrer Praxis an und ich war sehr neugierig auf ihre Erfahrungen.

Gleich zu Beginn kommen wir auf die Gratwanderung in der vorgeburtlichen Begleitung und Vorbereitung auf die Geburt zu sprechen: Wie sehr können Hebammen und das begleitende medizinische Personal den Frauen die Angst nehmen, um sie mit einer positiven Einstellung in die Geburt zu führen und wie klären sie zugleich so auf, dass Frauen, bei denen die Geburt anders verläuft, als sie es sich vorgestellt hatten, nicht allzu schockiert sind?

S. Abendschein: Wie hilfreich ist es unter diesen Vorzeichen, vorher ganz genau über die eigenen Grenzen Bescheid zu wissen beziehungsweise diese genau definieren zu können?

Dr. A. Dorn: Die Geburt ist per se etwas Grenzverletzendes, da passieren Dinge, die wir vorher nicht steuern können. Je mehr ich aber denke, ich könnte sie steuern, umso traumatisierter bin ich eventuell hinterher. Das erleben wir beispielsweise mit Frauen, die mit ganz konkreten Vorstellungen kommen. Es gibt ja im Internet schon fertige Listen, die das ein Stück weit befördern. Da wird vorher gesagt: „Überlegt euch gut, was ihr unter der Geburt möchtet und was nicht. Schreibt es auf und geht mit der Liste ins Krankenhaus.“
Das ist ja wie eine Grenze definieren, aber die Geburt kommt eventuell ganz anders als man denkt. Wenn dann klar ist, dass die zuvor definierten Grenzen auf keinen Fall eingehalten werden können, weil sonst vielleicht dem Kind etwas passieren könnte unter der Geburt, wenn auf die Listen also keine Rücksicht genommen werden kann, kann das sehr traumatisierend sein.

Daher weiß ich nicht, ob der Schlüssel ist, die Grenzen noch mehr zu definieren, sondern ich glaube, dass es eben auch an einer Fähigkeit liegt, abzugeben und zu akzeptieren, dass man die Kontrolle bei einer Geburt vielleicht nicht haben kann.

S. Abendschein: So eine Checkliste entspricht ja auch nicht meiner inneren, natürlichen Grenze, denn die kommt ja von außen. Wenn ich mich daran festhalte und alles festschreibe, verschließe ich mich auf eine Art und kann vielleicht nichts mehr an mich heranlassen. Dadurch bekommt die Angst vielleicht wieder mehr Raum.

Dr. A. Dorn: Es ist eine Definition der Grenze, ohne die Grenze zu kennen, denn ich habe die Erfahrung ja noch nicht gemacht. Es ist eine Vorbereitung auf etwas, das ich einfach nicht weiß.
Die aktuelle Statistik besagt, dass Frauen in Deutschland nur noch 1,57 Kinder bekommen. D.h. in der Regel haben wir es mit Erstgebärenden zu tun, da ist der Geburtsverlauf sehr schwer vorherzusehen. Gleichzeitig glaube ich, verlieren wir die Fähigkeit, uns auf etwas einzulassen. Es wirkt alles so planbar, es gibt die Vorbereitungskurse und es gibt viel zu wenig Nachbereitungskurse. Und es muss unbedingt nachbesprochen werden. Jede Geburt. In irgendeiner Weise.

S. Abendschein: Für mich war es wichtig, meine Gefühle ganz klar ausdrücken zu können und gehört zu werden, ernst genommen zu werden, in dem was ich empfinde und meine Ängste auch aussprechen zu können.

Dr. A. Dorn: Ja, aber Ihr Beispiel zeigt auch, dass nicht alles an der Gebärenden liegt. Ich erlebe zum Beispiel Frauen als besonders traumatisiert, die sich ausgedrückt haben und es wurde ihnen nicht zugehört. Den Part brauchen Sie ja auch. Es muss zeitgleich immer darauf sensibilisiert werden, warum werden die Frauen nicht gehört und nicht ernst genommen?
Da geht es dann um die Perspektive der professionellen Helfer*innen. Ich arbeite viel mit dem helfenden Personal, mit den Hebammen, mit den Gynäkolog*innen, ich gebe Kurse für die Geburtshelfer*innen, wir machen Fallsupervision etc. und es ist wirklich die Schwierigkeit, wenn ich etwas den ganzen Tag tue, immer wieder individuell zu sein.

S. Abendschein: Das ist auch ein Machtgefälle zwischen der Frau, der vielleicht Erstgebärenden, die mit einer völlig unbekannten Situation zurechtkommen muss und dem medizinischen Personal, für das Geburten alltäglich sind.

Dr. A. Dorn: Und die erleben bestimmte Dinge sehr häufig. Sie erleben, dass Frauen sagen „Ich habe Angst zu sterben“ die aber weit weg davon sind, die keine atonischen Nachblutungen haben und nichts darauf hindeutet, dass irgendetwas noch passieren könnte und es passiert dann auch nichts. Die nächste sagt das gleiche. Dann kommt die eine, die sagt: „Ich glaube hier stimmt was nicht, ich habe das Gefühl zu sterben.“ Dann sagen sich die Betreuenden vielleicht „Ja ok, haben wir schon zehnmal gehört heute, wird so nicht sein.“ Aber im Fall dieser Frau ist es so, dass da was passiert. Das bekommt man kaum miteinander abgeglichen. Da können sie sich vornehmen ganz sensibel zu sein, zuzuhören … aber es ist trotzdem nicht leicht, weil es eine absolute Ausnahmesituation ist – eine der schwierigsten Ausnahmesituationen überhaupt, weil es um das Leben geht. Und dieser Übergang ist eine gewaltige Erfahrung.
Deshalb ist es total wichtig, an den Menschenbildern dran zu bleiben. Mit welchem Menschenbild starte ich in den Beruf und wie kann ich da dran bleiben? Das ist auch ein großes Ziel unserer Seminare. Wir vermitteln neben bestimmten Gesprächstechniken vielmehr noch eine Haltung. Bin ich total gestresst, oder bin ich bereit, mich jetzt wieder auf diesen individuellen Prozess einzulassen? Das ist sicher bei Geburten nicht einfach, aber genau die darf man eben nicht alle in eine Schublade stecken, das kann auch mal gefährlich werden.

S. Abendschein: Ich habe oft das Gefühl, dass zwei Seiten existieren: Einerseits die Mystifizierung der Geburt und anderseits die Vorstellung davon, wie es in den Kliniken ist, die Klinikangst.

Dr. A. Dorn: Ich glaube, dass traumatische Erfahrungen ganz viel mit der Betreuung zu tun haben aber auch mit der Voreinstellung, damit, dass den Frauen suggeriert wird, dass da was ganz Tolles und Fantastisches passiert. Die Erwartungen an die Schwangerschaft, an die Geburt und dann an das Kind sind enorm hoch. Daran scheitert so viel, denn es ist aus unserem Bewusstsein verschwunden, dass es sich um eine Ereignis handelt, das wir möglichst unversehrt hinter uns bringen sollten – ganz unversehrt geht ja sowieso kaum eine Frau da raus. Wir verändern uns durch Geburten.
Es ist eine gewaltige Erfahrung, es ist ein Übergang von etwas, das wir nicht kennen. Es ist total individuell und nicht vorhersehbar. Und das macht ja einfach schon per se den meisten Angst.

S. Abendschein: Und daraus entsteht vielleicht eine Obrigkeitsgläubigkeit: „Meine Hebamme passt schon auf mich auf.“ Und dann klappt es nicht und sie passt nicht auf mich auf, weil sie es in dem Sinne natürlich nicht kann, denn sie steckt ja nicht in meinem Körper drin.

Dr. A. Dorn: Oder eine Sicherheitsgläubigkeit an die Klinik und dann landet eine Frau hinterher vielleicht doch im OP. Auch das hat ganz viel mit Begleitung und Betreuung zu tun.
Ich halte unglaublich viel von Beleghebammen, davon haben wir viel zu wenige. Und ich empfehle manchen Frauen, eine Doula mitzunehmen, wenn sie unsicher sind, denn oft sind die Begleitpersonen nicht gut vorbereitet und es ist in unseren Kreisen nicht üblich, eine Frau mitzunehmen, die schon Geburtserfahrung hat, wie die Mutter, die Schwester, eine Cousine, eben eine erfahrene Frau. Das ist eine ganz andere Rolle, die so jemand übernehmen könnte, zusätzlich zum Partner, der auch die erste Geburt erlebt.

S.Abendschein: Ich verstehe, wenn Frauen lieber ins Geburtshaus gehen, denn es ist eine absolut befremdliche Vorstellung, dass ich die Hebamme, die mein Kind auf die Welt begleitet, erst kennenlerne, wenn ich schon in den Wehen bin. Was ist, wenn wir uns nicht sympathisch sind? Da muss man dann gemeinsam durch.

Dr. A. Dorn: Das kann zu einer großen Herausforderung werden, dass die Hebammen die Frauen bei der Geburt zum ersten Mal sehen, und sie gar nicht einschätzen können: Wer ist diese Frau? Wie reagiert sie? Wie ist sie vom Charakter?
Gerade sind wohl deutlich mehr Hausgeburten durch die Coronazeit, weil manche Frauen Angst haben, dass sie ohne Partner und mit Maske entbinden müssen. Mir wurde von Ärzt*innen von mehr Komplikationen durch abgebrochene Hausgeburten berichtet. Die Ärzt*innen in den Kliniken sind in so einer Situation verzweifelt, weil sie wissen, dass sie an der Stelle schon verloren haben, denn in der Klinik will die Frau nicht sein. Es gibt immer so viele Seiten an diesen Geschichten.

S. Abendschein: In Indien habe ich erlebt, dass die jungen Mütter nach der ersten Geburt mit Mann und Kind zurück zu den Eltern gingen und dort die ersten vier Monate verbracht haben. Die Mutter konnte sich ausruhen und bekam von ihrer Mutter erklärt und gezeigt, was sie über ihr Baby wissen musste.

Dr. A. Dorn: Eine interkulturelle Studie besagt, dass die Symptome einer Wochenbettdepression in allen Kulturen gleich häufig auftreten und zwar betrifft es immer 10 bis 15 %. Aber mit dem Unterschied, dass es in manchen Kulturen nicht als Krankheit gilt, sondern als etwas, das eben so ist und dann wird die Frau eben noch mehr betreut und begleitet, bis es ihr wieder besser geht.
In unserem Kulturkreis sollte das Wort bei der Geburtsvorbereitung am besten vermieden werden. Lieber nehmen wir in Kauf, dass hinterher 10% der Frauen nicht wissen, was sie haben und dadurch zu spät in die Behandlung kommen, weil sie ihre Symptome nicht einordnen können. Wir haben in unseren Vorgesprächen aber immer darauf hingewiesen und keine schlechten Erfahrungen damit gemacht. Wenn eine Frau dann mal davon betroffen war, kam als Feedback: „Gut, dass ich das vorher schon mal gehört habe.“
Aber in unseren Breitengraden herrscht eher die Erwartungshaltung, dass der Übergang in die Elternschaft möglichst geräuschlos vonstatten geht. Die nachsorgende Hebamme kommt noch ein paar Tage, aber das ist nicht genug.

S.Abendschein: Also sollte der Fokus mehr auf der Nachbereitung liegen – auch beim therapeutischen Schreiben und in der Schreibbegleitung?

Dr. A. Dorn: Es kann auch hinterher etwas Prophylaktisches haben – alles muss nachbereitet werden. Vielleicht nicht sofort – bei Traumata muss man nicht sofort traumtherapeutisch ran, es gibt ja auch die Selbstheilungskräfte – aber bei Geburten hilft es ungemein, erst mal mit denen, die dabei waren, die Ereignisse nachzubesprechen und Fragen zu beantworten. Auch das wird viel zu wenig gemacht. Häufig höre ich, dass es dafür keine Zeit gebe, aber wenn man mich fragt, sage ich immer, das würde helfen.

Das Schreiben nutze ich deshalb in der Therapie so gerne, weil die Frauen einerseits vergessen wollen, gleichzeitig ist die Geburt aber so bedeutend, dass das Gehirn die ganze Zeit dagegen arbeitet. Vergessen – nicht vergessen – vergessen – nicht vergessen. Das Aufschreiben, in ein schönes Heft, hilft ungemein, weil ich es dann auch mal für eine gewisse Zeit vergessen und weglegen kann. Damit mache ich extrem gute Erfahrungen.

S. Abendschein: Vielen herzlichen Dank für das offene und aufschlussreiche Gespräch!

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Weiterlesen:
Frau Dr. Almut Dorn hat mehrere Bücher für Fachpersonal veröffentlicht. Ihr neuestes Buch, das sie gemeinsam mit Dr. med. Anke Rohde geschrieben hat, richtet sich auch direkt an Schwangere und deren Angehörige: „Krisen in der Schwangerschaft. Ein Wegweiser für schwangere Frauen und alle, die sie begleiten.“

4 Kommentare

  1. says:

    Liebe Silke,
    wow, ein sehr spannendes Interview hast du da geführt. Mir fallen direkt noch ganz viele Themen und Fragen ein, die ich Frau Dr. Dorn stellen würde. Ich finde ihre Arbeit großartig und wichtig. Und das neue Buch, das sie veröffentlicht hat, hätte mir in meiner letzten Schwangerschaft sicher auch geholfen.
    Tatsächlich wollte ich bei der ersten Geburt in Havelhöhe entbinden und beim zweiten Mal im Geburtshaus. Beide Male wurden meine Pläne durchkreuzt und ich bekamm alle meine Kinder im St.-Joseph-Krankenhaus. Die erste Geburt wurde in Havelhöhe abgebrochen und es ging mit dem Krankenwagen durch die ganze Stadt, weil alle Krankenhäuser dazwischen überfüllt waren. Beim zweiten Mal wusste ich vorher, wo ich entbinden würde und hatte einen Plan vorbereitet, den die Klinik schon bei einem Vorgespräch von mir bekam. Darin stand hauptsächlich, was ich NICHT wollte und was bei der ersten Geburt alles schief lief und unangenehm war. Ich hatte das Gefühl, es wurde beachtet.
    Danke dir für diesen Einblick.
    Liebe Grüße
    Carolin

    1. says:

      Liebe Carolin,
      lieben Dank! Ich bin auch sehr begeistert von ihrer Arbeit und empfand das Interview als sehr bereichernd.
      Es freut mich, dass Du nach der ersten Geburt mit Verlegung eine zweite Geburt hattest, bei der Du Dich gut aufgehoben und wahrgenommen gefühlt hast.
      liebe Grüße von Silke

  2. Liebe Silke, ein tolles Interview, das du mit einer sehr interessanten Frau geführt hast. Es imponiert mir, mit welcher Kompetenz sie auf das Thema Grenzen antwortet. Was sie zu Depressionen im Wochenbett sagt, und überhaupt zu den naiven Erwartungshaltungen bezüglich des Übergangs in Mutter- oder Elternschaft hat mich sehr berührt, v.a. auch, wie anderen Kulturkreisen damit umgegangen wird. „[…] das eben so ist und dann wird die Frau eben noch mehr betreut und begleitet.“ Wie schön, wie wünschenswert ist eine solche Haltung. Dass sie die Kraft des Schreibens als eine des Vergessenkönnens benennt, nehme ich mit. Ich danke dir für diesen besonderen Beitrag. Liebe Grüße, Dorothee

    1. says:

      Liebe Dorothee,
      vielen Dank! Ich bin für dieses Interview sehr dankbar und ich stimme Dir zu: es wäre so schön, wenn wir die Ereignisse in unserem Lebenskreislauf wieder mehr annehmen und auf ein unterstützendes Miteinander vertrauen könnten. Gerade in dieser Zeit wird mir jeden Tag aufs neue klar, wie wichtig und wertvoll das ist.
      lg Silke

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