Im Gespräch mit Anja Ribbe

Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit am Beispiel des Kundaliniyogas

Heute spreche ich mit Anja Ribbe. Sie ist Lehrerin für Kundaliniyoga und hat sich auf Kurse in der Schwangerschaft und Rückbildung spezialisiert.

S. Abendschein: Wie bist du dazu gekommen, Kundaliniyogakurse für Schwangere anzubieten?

A. Ribbe: Ich bin selbst Mutter einer inzwischen 17-jährigen Tochter, habe das Kundaliniyoga aber leider erst nach ihrer Geburt kennengelernt. Obwohl ich eine gute Geburt hatte, fühlte ich mich rückblickend nicht ausreichend vorbereitet. Im Geburtsvorbereitungskurs wurde der Umgang mit Schmerz und Angst nicht besprochen, ebenso wurden das Atmen und Tönen während der Geburt nur kurz theoretisch abgehandelt. Ich glaube, das führte zu einer Unsicherheit unter der Geburt und dem Gefühl, ein Stück weit ausgeliefert zu sein.
Als ich bereits eine Weile Kundaliniyoga unterrichtete, erkannte ich dass diese Yoga-Form sehr hilfreich für jede Gebärende sein kann. Daher schloss ich noch die Zusatzqualifikation zur Lehrerin für Kundaliniyoga in der Schwangerschaft und Rückbildung ab. Hier sind alle Übungen auf die Bedürfnisse der Schwangeren angepaßt und alle Aspekte um Schwangerschaft und Geburt sind Bestandteil des Unterrichts.
Mein Ziel ist es, Frauen zu unterstützen, ihnen gutes Werkzeug an die Hand zu geben, sowie ihre Selbstwahrnehmung, ihr Selbstbewußtsein und ihr Selbstvertrauen zu stärken.

S. Abendschein: Was sind die charakteristischen Werkzeuge dieser Yogaform?

A. Ribbe: Die charakteristischen Werkzeuge sind:
1. Das Loslassen üben durch Atmung: Die lange, tiefe Atmung in drei Stufen, welche sich zum Geburtsatem entwickelt, ist ein sehr guter Anker in herausfordernden Situationen, bei Stress, Angst und Panik. Der lange tiefe Atem erdet, belebt und beruhigt, zentriert, bringt Verbindung zum Baby und zur Intuition, versorgt die Zellen von Mutter und Kind mit Sauerstoff, fördert die Ausscheidung von Kohlendioxid, massiert die inneren Organe, unterstützt in den Übungen sowie im Geburtsverlauf, fördert Bewußtwerden und Entspannung.
2. Das Singen von Mantras und Tönen. Singen löst die Anspannung, Ängste und negative Gedanken auf und der Atem vertieft sich beim Singen auf ganz natürliche Weise. Auch lassen sich die meisten Kinder später mit diesen Liedern /Mantras, die sie bereits im Mutterleib gehört und gespürt haben, sehr gut beruhigen.
Zunächst stellt das Singen und Tönen für viele Frauen eine große Herausforderung dar. Doch ich erlebe immer wieder, wie dankbar die Frauen nach dem Kurs sind, dass sie es in diesem geschützten Raum ausprobieren und ihre Hemmungen ablegen konnten. Unter der Geburt empfinden sie es oft als große Erleichterung, denn die Körper von Mutter und Kind werden durch das Singen und Tönen in Schwingung versetzt, von innen massiert. Das Entspannen des Kiefers, Öffnen des Mundes und der Lippen während des Singens entsprechen der Entspannung und Öffnung des Beckenbodens und Muttermundes. Unter der Geburt geht es um das Öffnen und Loslassen, denn die Geburt ist in gewisser Weise ein Ausscheidungsprozess.
3. Durch Meditation vom Tun ins Sein kommen, zu völliger Ruhe und Neutralität- ein Zustand äußerst klaren Geistes und tiefster Entspannung zugleich. Heilung. Loslassen bestimmter Denkmuster, Bewertungen, Ängste. Wir üben Meditation in unterschiedlichen Weisen: in Stille, mit Mantra, mit Bewegung.
4. Yogaübungen und Tanz: Geburt ist Bewegung! Das Lockern und Dehnen einerseits und das Stärken des Körpers andererseits sind eine gute Geburtsvorbereitung. Die Yogaübungen können auch Schwangerschaftsbeschwerden lindern.

S. Abendschein: Wie gehst Du mit dem Thema Bewusstsein für die eigenen Grenzen in Deinen Kursen um?

A. Ribbe: In unserer schnelllebigen Zeit fällt es vielen Menschen schwer, sich selbst zu spüren und ihre eigenen Grenzen zu erkennen. Oft erlebe ich Frauen, die bis an den Geburtstermin heran arbeiten, besonders wenn sie freiberuflich tätig sind. Die wöchentliche Yogastunde verschafft ihnen den nötigen Raum, sich nur mit sich und ihrem Baby zu beschäftigen, sich zu spüren und sich ihrer Grenzen bewußt zu werden. Dieses Bewusstsein wirkt in den Alltag hinein, so dass die Frauen auch dort ihre Grenzen besser wahrnehmen und achten können.

S. Abendschein: Wie funktioniert das konkret?

A. Ribbe: Ich biete eine Stunde zum Thema Grenzen an, um auf diese zu sensibilisieren und die Achtsamkeit zu schulen.
Wie zu Beginn jeder Stunde liegt der Fokus auf der Atmung. Durch das Atmen kommen die Frauen zur Ruhe und können dadurch in den anschließenden Übungen ganz bewusst die Grenzen ihres Körpers spüren. Da die Grenzen sich mit fortschreitender Schwangerschaft verschieben, kann durch die Übungen ein Bewusstsein dafür geschaffen und die Aufmerksamkeit dem eigenen Körper gegenüber erhöht werden. Die Frauen lernen, in sich hineinzuspüren und herauszufinden, wo Spannungen sind.
Der Einstieg erfolgt also über den Körper, das Spüren. Nach dem Spüren kommt das Akzeptieren der erspürten Grenzen und zugleich das Vertrauen auf die kreative Urkraft als Frau, die Adi Shakti. Dieses Vertrauen in sich selbst, in diese natürliche Kraft hilft, Ängste abzubauen.
As nächster Schritt folgt dann die Reflexion: Was ist im Alltag, wo ist es zu viel?
Außerdem achte ich darauf, dass die Frauen gleichzeitig auch die Bindung zu ihrem Baby intensivieren.

S. Abendschein: Wie kann ich mir das vorstellen? Gibt es dazu spezielle Übungen?

A. Ribbe: Das leite ich ganz konkret durch sehr anschaulich gestaltete Übungen an. Beispielsweise sage ich: „Spüre hin zu Deinem Kind. Schicke ihm einen liebevollen Atemzug.“ Oder wir gehen in den Vier-Füßer-Stand für die Katze-Kuh-Bewegung und ich begleite die Übung mit den Worten: „Stell dir vor, dein Baby liegt in deinem Bauch wie in einer schönen Hängematte“. Durch diese Bilder wird die Bindung intensiviert und bewusster wahrgenommen. Dabei versuche ich möglichst vielfältig zu sein, denn jede Frau empfindet anders.
Zwischen den Übungen lernen die Frauen zu entspannen, um – analog zu den Wehenpausen bei einer Geburt – immer wieder zur Ruhe zu kommen und zu sich selbst finden zu können, neue Kraft zu schöpfen. Hier lege ich den Fokus mal mehr auf die Frauen, mal mehr auf das Baby.
Am Ende der Übungsreihe lasse ich die Frauen nochmal zum Baby hinspüren. Das stärkt die Bindung und das Bewusstsein, dass sie die Geburt nicht alleine machen müssen. Diesen Weg, diese Reise, treten sie mit ihrem Baby gemeinsam an. Das ist für viele Frauen ein schöner Gedanke.

S. Abendschein: Wie thematisierst Du Angst in Deinen Kursen?

A. Ribbe: Die Frauen äußern mir gegenüber ihre Ängste direkt: die Angst vor der Geburt selbst, vor dem Unbekannten, die Angst vor Schmerzen, die Angst loszulassen, vor Kontrollverlust, vor Komplikationen – was meist aus negativen Geburtsberichten resultiert – und Ängste, die durch vorangegangene negative, traumatische Geburtserfahrungen hervorgerufen wurden. Aber auch Ängste, die Zeit nach der Geburt betreffend, wie beispielsweise die Angst, der neuen Situation nicht gewachsen zu sein, vor Überforderung, Stillproblemen, Veränderungen in der Partnerschaft oder existenzielle Ängste, kommen hin und wieder zum Gespräch.

In Bezug auf die Geburt spreche ich mit den Frauen über die Angst-Spannungs-Schmerz-Spirale: Ausgelöst durch die Schmerzen entsteht die Angst davor, wie schlimm es im nächsten Moment sein könnte, daraufhin schüttet der Körper Stresshormone aus, welche dazu führen, dass die Muskeln sich anspannen und verkrampfen. So wird die Durchblutung der Gebärmutter reduziert und das führt wiederum dazu, dass weitere Schmerzen entstehen. Geburtsschmerzen haben aber den Vorteil, dass sie von dem genau richtigen Hormoncocktail, reich an Endorphinen – den körpereigenen Opiaten – begleitet werden.

S. Abendschein: Wie kann ich diese Spirale durchbrechen oder verhindern, dass ich überhaupt in sie eintrete?

A. Ribbe: Es gibt spezielle Übungsreihen und Meditationen, die gezielt Ängste und Negativität lindern und Atemtechniken, mit denen man sich aus der Angst, aus der Panik herausholen kann.
Sehr wichtig ist die Loslassübung, in der sich die Frauen in einer herausfordernden Situation kennenlernen. In dieser Übung werden die Arme für mehrere Minuten zu den Seiten parallel zum Boden gehalten, was einen ungefährlichen körperlichen Schmerz verursacht, der stellvertretend für den Wehenschmerz steht. Dabei werden Techniken wie Atmung, Fokussieren, Visualisieren, Meditation, Bewegung, Singen oder Tönen angewandt sowie aktives Entspannen in der Herausforderung geübt, um mit Schmerz umgehen zu lernen, ihn anzunehmen, die starken Wehen willkommen zu heißen, denn jede Wehe bringt die Geburt voran.
Den Angst-Spannungs-Schmerz-Kreislauf zu durchbrechen, ist ein Ziel dieser Übung, die, nebenbei erwähnt, den Schulter- und Nackenbereich und das Nervensystem stärkt.
Mein Ansatz ist, dass die Frauen möglichst viele helfende Techniken erlernen und erleben, so dass sie unter der Geburt auf diese Erfahrungen zurückgreifen können. Das ist sehr individuell, denn jede Frau und jede Geburt ist einzigartig.

Bei sehr starken Ängsten vermittle ich ergänzend auch die Grundlagen der MET (Meridian Energie Technik). Das sind Klopftechniken, die sowohl vorbereitend als auch in akuten Angstsituationen angewendet werden können. Ich selbst habe damit sehr positive Erfahrungen gemacht.

S. Abendschein: Über die körperliche Erfahrung zum mentalen Erinnern. Das klingt für mich sehr nachvollziehbar.

Anja Ribbe: Ja, die Rückmeldungen der Frauen sind sehr positiv und vielfältig. Manche Frauen, die im Kurs sagen, dass die Übung gar nichts für sie war, melden sich dann nach der Geburt und sagen, dass genau diese Übung ihnen unter der Geburt sehr geholfen hat. Auch berichteten mir Frauen, bei denen ein Kaiserschnitt nötig wurde, dass die Geburtsvorbereitung im Kundaliniyogakurs eine große Hilfe war.

S. Abendschein: Wenn Du in der Weise über die Geburt mit den Frauen sprichst ist ja aber auch klar, dass dabei Grenzen überschritten werden, die Schmerzgrenze zum Beispiel. Wie ist die Reaktion auf das direkte Ansprechen?

A. Ribbe: Ich frage immer vorher. Ich habe kein Programm, das ich abspule, sondern gehe auf die Frauen und ihre Wünsche ein. Wenn eine Frau ausweichend auf ein Thema reagiert, das aber alle andern im Kurs interessiert, frage ich die Frau, ob es in Ordnung ist, wenn ich das Thema für die anderen bespreche. Auf diese Frage reagieren viele Frauen dann doch mit großer Offenheit und Interesse.

S. Abendschein: Gibst Du neben den Yogatechniken auch Hilfestellungen oder Hinweise zum Ablauf und zur Vorbereitung der Geburt, in Ergänzung zu den Geburtsvorbereitungskursen?

Anja Ribbe: Ich gebe Denkanstöße. Was kann ich aktiv gestalten? Beispielsweise das Mitnehmen persönlicher Gegenstände, die den Frauen das Gefühl von Geborgenheit vermitteln: das Lieblingskissen, die Kuscheldecke, warme Socken, einen vertrauten Duft, ein angenehmes Licht, Musik usw. … und natürlich die Begleitung durch eine vertraute Person. Diese Person sollte sich bewußt sein, dass sie vor allem für die Privatsphäre und so gut es nur geht, zur Wahrung der Grenzen der Gebärenden zuständig ist, wenn diese womöglich unter der Geburt nicht für sich selbst sprechen kann. Die begleitende Person ist die Schnittstelle zwischen Gebärender und dem medizinischen Personal. Sie begleitet auch dann, wenn eingegriffen werden muss und achtet darauf, dass die Gebärende loslassen kann, weil sie darauf vertrauen kann, dass die begleitende Person immer schützend da ist.
Ich gebe auch den Denkanstoß, dass die begleitenden Personen nicht zwingend die Partner*innen sein müssen, die eine Geburt auch zum ersten Mal miterleben. Viele begleiten ihre Partnerin aus Liebe und aus Verantwortungsgefühl, sind aber selbst vielleicht gar nicht dafür bereit oder nicht gut darauf vorbereitet.
Und ich empfehle gerne das Buch „Geburt und Stillen – Über die Natur elementarer Erfahrungen“ von Michelle Odent, der für die WHO zum Thema Hausgeburten in Industrieländern forschte. Sehr viele Gedanken und Anregungen aus diesem Buch können auch auf andere Geburtsorte, wie die Klinik, übertragen werden.

S. Abendschein: Jede Frau muss ja auch für sich selbst den für sie passenden Geburtsort finden.

A. Ribbe: Jede Frau kann nur ganz für sich selbst entscheiden, wo sie sich am Wohlsten, am Sichersten fühlt.

S. Abendschein: Da fängt das „Bei-Sich-Sein“ schon an …

A. Ribbe: Ja, und an diese Überlegungen schließen sich dann die Gespräche über die Wochenbettzeit an. Auch hier die Betonung, wie wichtig es ist, dass sich die Frau Zeit nimmt, ihre Grenzen wahrnimmt und akzeptiert. Viele Frauen gehen nach einer Geburt viel zu schnell mit ihrem Baby in den Alltag über, aus verschiedenen Gründen. Aber es braucht Zeit zum Heilen und Ankommen.
Daher empfehle ich den Frauen, sich vorher zu überlegen, wer sich in dieser ersten Zeit um den Haushalt kümmert, wer die Geschwisterkinder von Schule und Kita abholt. Außerdem ist es ratsam, sich zu informieren, wo eine gute Stillberaterin zu finden ist, wo eine Schreiambulanz. Das sind alles Themen, die schwer zu bewältigen sind, wenn die Frauen schon in der Überlastung sind. Und falls die gesammelten Informationen nicht benötigt werden, können sie an die Frauen weitergegeben werden, die Unterstützung benötigen.

S. Abendschein: Du bist also neben Deiner Funktion als Yogalehrerin eine wichtige Gesprächspartnerin für die Frauen, die zu Dir in die Kurse kommen.

A. Ribbe: Ich glaube, dass der Austausch von Frauen untereinander sehr wichtig ist. Im Rahmen meiner Kurse entsteht in Verbindung mit den Yogaübungen eine sehr vertrauensvolle und bereichernde Atmosphäre.
Daher kann ich mir auch die von Dir geplante Schreibbegleitung sehr gut vorstellen, die bestenfalls schon in der Schwangerschaft ansetzt. Schreiben verhilft ja auch zu einer ganz besonderen Aufmerksamkeit und einem Bewusstsein sich selbst gegenüber.

S. Abendschein: Auch um Erlebtes zu reflektieren, Vorstellungen, Wünsche und Sorgen äußern zu können und sich derer durch das Schreiben bewusst zu werden.

A. Ribbe: Ich kann mir auch vorstellen, dass es für das Kind sehr bereichernd sein kann, wenn es in den Aufzeichnungen seiner Mutter eigene Fragen beantwortet finden oder gemeinsam mit der Mutter nachlesen kann. Das ist ein schöner Gedanke. Und natürlich wäre es auch als Nachbereitung und Reflexion, begleitend zum Rückbildungskurs, ein sehr schöner und wichtiger Ansatz.

S. Abendschein: Vielen Dank liebe Anja für diese interessanten und schönen Einblicke in Deine Arbeit und Deine Gedanken zur Schreibbegleitung! Ich drücke die Daumen, dass Deine Kurse bald wieder stattfinden können!

2 Kommentare

  1. says:

    Liebe Silke,
    das war ein sehr interessantes Interview! Ich selbst habe im letzten Jahr etwas mehr mit Kundaliniyoga beschäftigt und war vom Resultat begeistert! Neu für mich war, dass man das auch während der Schwangerschaft für sich und das Kind nutzen kann- und ist natürlich total einleuchtend.
    Es ist wirklich toll, dass es solche Angebote für Mütter gibt und wünsche Anja weiterhin viel Erfolg bei ihrer tollen Arbeit!

    1. says:

      Liebe Lea,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und schön zu lesen, dass Du mit Kundaliniyoga selbst schon so gute Erfahrungen machen konntest!
      lg Silke

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