Grenzsteine auf dem Feld

Erste Gedanken zu Grenzen und mein erster Grenzkontakt

Das Wort Grenze leitet sich von dem altslawischen, (alt-)polnischen Wort granica ab und meint einerseits einen Geländestreifen, der politische Gebilde (Länder, Staaten) voneinander trennt oder andererseits die Trennungslinie zwischen Gebieten, die im Besitz verschiedener Eigentümer sind oder sich durch natürliche Eigenschaften voneinander abgrenzen oder darüber hinaus die nur gedachte Trennungslinie unterschiedlicher, gegensätzlicher Bereiche und Erscheinungen o. Ä (vgl. Duden, Stichwort Grenze).

Eine Grenze exisitiert also, wenn wir sie definieren, kennzeichnen und errichten. Wir müssen sie wahrnehmen können, auch wenn sie nicht sichtbar vor uns liegt. Grenzen begegnen uns, sobald wir beginnen, uns zu bewegen oder vielmehr: sobald wir unser Sein bewusst wahrnehmen. Bewusstsein und Grenzerfahrungen gehen Hand in Hand. Wir erfahren die eigene Begrenztheit durch die Berührung tatsächlicher Grenzen, denn die meisten Grenzen sind – abgeleitet von der Definition – menschengemacht.

Grenzen werden definiert, damit wir in der Lage sind, die Komplexität unserer Welt zu erfassen, um sie strukturieren zu können und um die Gesellschaft zu ordnen. Durch Grenzen können wir uns orientieren.
Wir markieren unser Revier, beanspruchen etwas für uns, grenzen uns ab und schränken dadurch unsere und die Bewegunsfreiheit unserer Mitmenschen ein, damit wir ein Gefühl von Sicherheit innerhalb der gesetzten Grenzen empfinden können.

Heute morgen entdeckte ich auf der Wiese am Waldrand einen alten Grenzstein. Hier in Süddeutschland sind die Ländereien klein und zerstückelt. Hinter jedem zweiten Grashalm trennt ein Grenzstein Gemeindebesitz von Privatbesitz und Privatbesitz wiederum vom benachbarten Privatbesitz. Meine Großeltern sprachen noch von „Marksteinen“ und Gemarkungen. Diese Steine definierten die Ressourcen, die für das Überleben der Familie sorgten. Niemand mähte das Gras oder erntete vom Acker jenseits der eigenen Gemarkung und jedes Kind kannte und achtete die Grenzen des Familienbesitzes.

Ich lernte diese Steine durch meinen Großvater kennen. Es war die erste reale Grenze, die mir in meinem Leben begegnete:

Es war Herbst und wir Enkelkinder gingen mit meinem Großvater über die Felder in Richtung Wald. Mitten auf einer Wiese blieb er stehen und zeigte mit seinem Spazierstock auf einen kleinen, hellgrauen, quadratischen Stein, in dessen Oberfläche ein paar Buchstaben eingeprägt waren. Ich hatte einen solchen Stein noch nie gesehen. Im Sommer war es unmöglich, ihn zu finden, da er vom hohen Gras überwuchert wurde. Doch jetzt im Herbst waren die Wiesen abgemäht und wenn man wusste, wo man suchen musste, konnte man die Steine finden.

Ich schaute gespannt zu meinem Großvater, der mit seinem Stock in einem weiten Bogen über die Wiesen und Wälder zeigte. All das würde einmal uns gehören, meinte er mit stolzem Blick. Mit den Erträgen von diesen Wiesen, Äckern und Wäldern hatte er in harter Arbeit seine Großfamilie ernährt. Er kannte jeden Winkel, jeden Baum – und die Lage aller Steine am Rande seiner Felder.
Und auch wenn ich die Bedeutung seiner Worte damals noch nicht vollumfassend verstehen konnte, so verwandelte sich doch durch genau diese Worte dieser schlichte Stein zu meinen Füßen in einen besonderen Stein:

Ein Stein mit großer Bedeutung.
Vergangenheit und Zukunft.

Ein Stein mit einem Versprechen.
Mein und Dein.

Ein stolzer Stein.
Wachsen und Nähren.

Ein Stein mit Verantwortung.
Bewahren und Beschützen.

Ein Grenzstein
Unser Grenzstein.

8 Kommentare

  1. Sara says:

    Liebe Silke,
    danke für dieses spannende Thema. Als Wohnungskind kannte ich dier Grenzen ganz genau. Sie waren fest und gestaffelt – Zimmer, Wohnung, Haus, Bordstein… Ewiges hin und her zwischen Freiheit und Sicherheit…
    Gibt es den großväterlichen Besitz in seiner ganzen Ausdehnung noch? Ist sein Wunsch / das Versprechen wahr geworden… eines Tages… ?
    Lieben Gruß, Sara

    1. says:

      Liebe Sara,
      danke für Deinen Kommentar. Ja, der Hof ist immer noch in Familienbesitz und wird es auch bleiben, auch wenn ich nicht mehr dort wohne. Heute erscheint mir diese Freiheit, die wir als Kinder hatten, als purer Luxus und ich kann mich tatsächlich immer noch nicht ganz daran gewöhnen, in diesen, wie Du so treffend schreibst, „festen und gestaffelten“ Grenzen einer Stadt zu leben.
      lg Silke

  2. Das ist ein solch unglaublich schön gestalteter und geschriebener Blog! Und dazu ein relevantes Thema. Ich bin ein großer Fan.

    1. says:

      Vielen lieben Dank lieber Pascal!!

  3. Adrian says:

    Liebe Silke, ein schönen Einstieg findest du hier in das Thema. Der lyrische Schluss wirkt wie eine kleine einprägsame Meditation. Ein weites Feld betrittst du mit deinem Thema, aber solche Felder sind dir ja von Kindesbeinen an geläufig. Bin sehr gespannt auf die kommenden Wochen! Liebe Grüße, Adrian

    1. says:

      Danke Adrian! Ja, es ist ein weites Feld und auch für mich eine Reise durch Kindheit und Muttersein. Lg, Silke

  4. Bettina Ludwig says:

    Liebe Silke,
    ich mag Steine und Grenzsteine haben eine besondere Bedeutung. Auch ich erinnere mich an den besonderen Moment, als meine Eltern mir als Kind den Grenzstein auf ihrem Grundstück zeigten. Du hast mit Deinem Blogbeitrag diese Erinnerung angestoßen und darüberhinausgetragen. Danke von Bettina

    1. says:

      Danke liebe Bettina! Es ist schon erstaunlich, wie prägend die Erinnerung an diese besonderen Steine ist…

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